John Lennon
Das Script einer Radiosendung von Horst D. Frambach
John Winston Lennon wurde am 9. Oktober 1940 als Sohn eines Schiffssteward in Liverpool geboren. Seine Jugend verlief alles andere als harmonisch. Schon vor seiner Geburt verließ sein Vater die Familie. Die Mutter heiratete bald wieder und wollte kein Kind mit in die neue Ehe bringen. So landete John bei seiner Tante Mimi in Blackpool.

Sie war es, die Lennon am meisten prägte - im negativen Sinne. Sie vereinnahmte ihn vollkommen, er bekam wenig Taschengeld, durfte kaum mit den anderen Jungs spielen und bekam in der Schule hinterherspioniert. John wehrte sich auf seine Weise: Er fing Prügeleien an, faßte Mädchen unter die Röcke und begann in kleinen Läden zu stehlen.

Eigentlich war er ein eher schüchterner Junge, der sich allmählich hinter seiner Härte, dem Zynismus und der Ironie versteckte.

Tante Mimi wollte, daß aus John etwas werde. Dazu meinte er: »Sie versuchte, aus mir einen verdammten Zahnarzt zu machen. Und dann kamen die verfluchten Fans und versuchten, mich um jeden Preis zu einem Beatle zu stempeln. Und die Kritiker wollten in mir nur Paul McCartney sehen.«

John begann damals, sich aufzulehnen gegen das Establishment, gegen alles Eingefahrene, das damals noch von seiner Tante ausging. Er war einsam, und er begann, seine Einsamkeit »zu sehen«, wie er in seinen Notizen damals schrieb. Der Surrealismus fing nun an, ihn zu interessieren.

1955, als er noch zur Qarry bank High School ging, formierte John Lennon seine erste Band: die »Qarrymen«. Sie spielten Skiffle und Rock'n'Roll.

Nachdem durch mehrere Mutationen aus dieser Gruppe die Beatles geworden waren, profilierte sich Lennon schnell als instinktiver Poet des Proletariats. Er reicherte die Musik der Beatles mit intelligentem, informativem und infantilem englischen Gymnasiastenhumor an. Scharfzüngige Texte und geschickte Reime waren seie Spezialität. Sie machten Furore.

Anfangs legten die Beatles eher Wert aufs Melodische; später kamen vor allem Lennons Spitzfindigkeiten verbaler Art in den Texten zum Vorschein. Gegen Johns Widerspruch hörten zum Beispiel viele Fans in den Texten zu »Strawberry Fields Forever« und »Lucy In The Sky (With Diamonds)« unverhüllte Drogenempfehlungen heraus.

Und hier die Wahrheit über »Strawberry Fields Forever«:Es ist keine Erfindung. Dieser Ort existiert tatsächlich. Damals lebte John mit seiner Tante Mimi am Stadtrand von Liverpool in einem schmucken Häuschen mit gepflegtem Vorgarten. In der Nähe befand sich ein Laden, »Strawberry Fields«. Dort war immer 'was los, und John war oft dort.

»Living is easy with eyes closed.« (Das Leben ist leicht mit geschlossenen Augen.)
»Auch wenn man seine Umwelt aufmerksam betrachtet, versteht man sie so gut wie gar nicht.«
»No one - I think - is in my tree.« (Niemand ist - glaube ich - in meinem Baum.)
»Ich war schüchtern, wurde von Selbstzweifeln gequält. Allein deshalb war ich entweder verrückt oder ein Genie.«
»I mean it must be high or low.« (Ich meine, es muß entweder hoch oder tief sein.)
»Irgendwas stimmte nicht mit mir. Ich schien andauernd Dinge zu sehen, die für andere unsichtbar waren.«

1960 kamen die Beatles als unbekannte Musiker in Lastwagen nach Hamburg, um im »Starclub« zu spielen. Es bedeutete letztendlich der Beginn einer Weltkarriere. 1962 kam ihre erste Platte heraus: »Love Me Do«. Ein Erfolg reihte sich an den anderen. Und immer traten sie als Saubermänner auf - gegen den Willen Lennons übrigens.

Im August des Jahres heiratete er seine schwangere Freundin Cynthia.

John Lennon hatte schon früh die Nase voll, wollte den Rummel um die Band irgendwie verhindern.

»Man muß ein Bastard sein, um den Durchbruch zu schaffen, das ist schon mal klar. Und die Beatles waren die schlimmsten Bastarde der Welt. Und die Presse hält einem ohnehin die Stange, denn die sogenannten Journalisten wollen schließlich weiterhin ihre freien Drinks und die Nutten auch noch gratis. Wir waren die Cäsaren, wer wollte uns schon vor den Karren pinkeln? Die Spenden, die Bestechungen, die Polizei, der ganze Riesenapparat! Und der bescheuerte John will uns das alles wegnehmen ...?!«

John Lennon war immer ein kritischer Beobachter seiner Umwelt und eine selbstkritische Person. Es widerstrebte ihm auch zutiefst, mit irgendwelchen Klischées abgestempelt zu werden.

So weigerte er sich anfänglich auch, als Manager Brian Epstein den vier Liverpoolern die Mop-Top-Frisuren, die sogenannten »Pilzköpfe« verordnete - und dazu auch noch Anzüge. Für Lennon war dies eine Uniformierung, der er nur unter kräftigem Druck schließlich zustimmte.

Andererseits setzte sich Lennon durch, was die Musikrichtung betraf. »Entweder unsere eigene Musik oder gar keine,« polterte er drauflos ... und siegte.

Schnell trat er als Bandleader in Erscheinung. Seine bissigen und verletzenden Formulierungen kamen nicht nur in den Songs vor. Mit Paul McCartney verband ihn lange Zeit eine Art Haß-Liebe. Musikalisch brauchten sie einander, um die Musik zu schreiben, die die Anfangsära der Beatles ausmachte. McCartney bügelte Lennons Unverblümtheit und seine zum Teil radikal progressiven Inhalte und Klangideen etwas zurecht, so daß sie populär wirkten. Lennon hingegen brachte Stil in McCartneys Drang zur seichten Unterhaltungsmusik.

Trotz Beatles ließ sich John Lennon nie auf ein Gruppenmitglied reduzieren. Er war und blieb immer auch »John Lennon«. Er war wohl der einzige in der Gruppe, der auch während des Ruhms an die Zeit danach dachte. So sagte er einmal:

»Es ist für mich eine unerträgliche Vorstellung, auch noch mit 30 Jahren über die Bühne zu hoppen, die Haare wild zu schütteln und dazu 'Please Please Me' zu singen.«

Darüber kamen in der Band die ersten Streitereien auf, die Lennon bereits frühzeitig isolierten.

Lennon war mit dem Establishment unzufrieden. Er konnte sich nicht erklären, warum alle und alles in irgendwelche »Schubladen« passen mußte. Es war Protest dagegen und das Bestreben, die Mitmenschen die Augen für andere Unzulänglichkeiten zu öffnen, die ihn zu spitzen, bissigen und voller Ironie und zum Teil auch Verachtung steckenden Äußerungen greifen ließ.

Auf die Frage eines Journalisten nach dem Geld sagte er einmal:
»Wir haben genug davon, um uns diese Frage nicht zu stellen.«

In kurzer Zeit war Lennon bestgehaßter Interviewpartner unter den Journalisten.

Frage: Wer schreibt eure Musik?
»Welche Musik?«
Oder: Was ist Ihre Lieblingsbeschäftigung?
»Am liebsten gebe ich Pressekonferenzen. Das ist nicht so anstrengend wie Gitarrespielen.«
Als ihn eine weibliche Journalistin beim Essen störte und ihn fragte, was er wohl in fünf Jahren machen werde, meinte er nur:
»Da esse ich wohl immer noch ...«
Über 40 Millionen Fernsehzuschauer waren entrüstet, als Lennon auf die Frage, was er denn über die Zuschauer denke, sagte:
»Wollen Sie das wirklich wissen?«
Und auf die Frage, ob er seine Songs auch auf chinesisch singen werde:
»Natürlich, ich spreche seit Jahren chinesisch. Oder haben Sie mein Buch nicht gelesen?«

Ging ihm die Presse auf den Wecker?
»Nein, wenn sie nicht ständig so pausenlos hinter mir herwären, würde ich die Presse vermissen. Ich vermisse sie neuerdings sogar, wenn ich schlafe.«

Interlektuelle mochten Lennons coole, distanzierte, aggressive und witzige Art. Er wurde bald zu ihrem Symbol.

Lennon trat schon früh als Autor neben seinen Beatles-Aktivitäten in Erscheinung.

1964 kam sein erstes Buch auf den Markt. »In My Own Write« (In meiner eigenen Schreibe) enthielt Außenseiterprosa wie Gedichte wie »Morden, Morden, nur nicht heute« und Kurzgeschichten wie »Die Schatzgerinsel«.

Man konnte es vermuten, und in der Tat war Lennon von seinen Fans enttäuscht.

Hatte er immer alles Etablierte angezweifelt, Absichten der gesellschaftlichen Repräsentanten in Frage gestellt und das politische System als gegen die Bürger gerichtet betrachtet, so dachte er anfangs, die Leute hätten er nur noch nicht gemerkt, daß sie unterdrückt und in die Irre geführt wurden. Im Laufe der Zeit aber, in der er selbst seinen Anhängern die Augen zu öffnen geglaubt ahtte, hätten Reaktionen kommen müssen, hätten Bürger auf die Barrikaden gehen sollen.

Sie taten es nicht. Das enttäuschte Lennon. Sie himmelten ihn "nur" wegen seiner Musik an, die die meisten seiner Ansicht nach nicht einmal verstand. Das äußerte er in einem Interview so: Nur etwa hundert Menschen auf der Erde verstünden seine Texte. Sein "Job" kotzte ihn bald mehr an als er Spaß machte. So kam er von einer Amerikatournee zurück mit den Worten:

»Es sah überall gleich aus, es roch überall gleich, das Bier schmeckte überall gleich, und es klang überall gleich. Wirklich, ein toller Erfolg!«

In den USA versuchte er auf einer Party dem britischen Botschafter stundenlang einzureden, er sei gar nicht John Lennon, sein Name sei Freddy.

1966 kamen die vier Beatles langsam in Bedrängnis. Es zeichnete sich ab, daß es wie bisher nicht mehr weitergehen konnte. Musikalisch - und auch sonst. An der Krise war Lennon nicht ganz unschuldig. Mit seinen Kommentaren beispielsweise eckte er ständig überall an.

»Das Christentum ist out. Es wird verschwinden, immer bedeutungsloser werden. Das ist keine Frage. Es wird sich erweisen, daß ich recht habe. Wir sind berühmter als Jesus. Ich weiß nicht, was zuerst weg sein wird - Rock'n'Roll oder das Christentum. Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger waren fett und ordinär.«

Die gläubigen Amerikaner gingen auf die Barrikaden. Beatles-Musik wurde aus den Radiostationen verbannt. Bis Lennon beteuerte, nur falsch verstanden worden zu sein.

»Jesus verkündete die Botschaft, und alle, die ihm zuhörten, dachten darüber nach und veränderten die Worte. Holten sich heraus, was ihnen paßte. Das erinnert mich irgendwie an ein Kinderspiel. Man stellt sich in einer reihe auf, und der erste flüstert seinem Nachbar einen Satz ins Ohr. Wenn es am Ende der Reihe ankommt, erkennt der erste seinen Satz nicht wieder.«

Es fuchste Lennon, daß jeder seine Musik so ernst nahm und versuchte, Sachen herauszulesen, die gar nicht existent waren. Was er sagte, das wurde planmäßig falsch verstanden. Seine Seelenqual drückte er einmal so aus:

»Ich glaube, mir ist unsere Musik deshalb so egal, weil andere Leute sie so ernst nehmen. Es ist nett, wenn sie den Leuten gefällt. Aber wenn sie anfangen, sie zu ?würdigen?, große, tiefe Dinge aus ihr herauszulesen, ein ?Anliegen daraus zu machen, dann ist das Quatsch. Es beweist, was wir immer von der sogenannten Kunst gehalten haben. Es ist alles großer Quatsch. Wir haben all den Scheißdreck nicht leiden können, den sie über Beethoven und das Ballett geschrieben haben, wobei sie sich selber eingeredet haben, wie bedeutsam das alles ist. Nun passiert mit uns das gleiche. Nichts davon ist bedeutsam. Es brauchen sie nur ein paar Leute in Bewegung setzen, und schon machen sie sich was vor und glauben, es sei wichtig. Alles wird nur zu einem einzigen Schwindel.

Wir sind natürlich auch Schwindler. Wir wissen, daß wir ihnen eins überbraten, weil die Leute eins übergebraten bekommen wollen. Sie haben uns die Erlaubnis dazu gegeben, ihnen eins überzubraten. Ich bin überzeugt, das tun alle Künstler, wenn sie sich erst einmal darüber klar geworden sind, was für ein Schwindel das ist. Die Sache ist die: Wissen Beethoven und Leute seines Schlages, daß sie Schwindler sind? Oder glauben sie wirklich, bedeutend zu sein? Weiß der Premierminister, daß er nichts weiter ist als ein doofer Heini? Ich weiß nicht.

Die Leute glauben, die Beatles wüßten, was sie da tun. Wir wissen es nicht. Wir ziehen es ganz einfach ab. Die Leute wollen wissen, was die tiefere Bedeutung von ?Mr.Kite war. Es gibt gar keine. Ich habe es einfach gemacht. Ich habe eine Menge Wörter zusammengezimmert und dann etwas Geräusch darübergehauen. Ich habe es einfach gemacht. Als ich den Song schrieb, paßte er mir nicht. Ich habe nicht an ihn geglaubt, während ich ihn machte. Aber niemand will mir das abnnehmen. Die Leute wollen nicht. Sie wollen, daß alles bedeutsam ist.«

Im Juni 1965 bekamen die Beatles von der englischen Königin den MBE-Orden überreicht, worauf sich die sonstigen Träger dieser Auszeichnung heftigst beschwerten. John Lennon meinte:

»Ausgerechnet den MBE. Ich dachte immer, dafür müsse man Panzer fahren und Kriege gewinnen.«

Bei einem anschließenden Auftritt vor der Königin und ihrem Gefolge erlaubte sich John Lennon zu sagen: »Bei der nächsten Nummer möchte ich, daß alle mitmachen. Die auf den billigen Plätzen sollen klatschen,und die anderen können ja mit ihren Juwelen klimpern.«

Nach dem Album »Rubber Soul« war die ausgeflippte Zeit der Anfangsjahre endgültig vorbei. Lennon war es recht. Was dann folgte, beeinflußte er entscheidend.

Die Konzerte wurden immer mehr zur Zumutung; immer mehr Verletzte waren die Folge, weil sich die Fans prügelten. Und die Musik wurde immer extravagander; sie war auf der Bühne nicht mehr nachvollziehbar.

John Lennon setzte durch, daß mehr probiert und experimentiert wurde. Da seine Stärke schon immer auf den Texten lag, schrieb er meist zuerst diese. Dann versuchte er mit Paul McCartney verschiedene Musikbeispiele, die dann übereinanderkopiert und zusammengeschnitten die oft unverständliche Musik dieser Zeit ausmachte.

Fans wollten Drogenempfehlungen in den Songs herausgehört haben. Behauptungen und Dementi umrissen den Erfahrungsbereich, den Lennon zu seinen skurrilen Texten anregte: die Fantasiewelt des Morbiden, Verbotenen, Irrationalen, gepaart mit Auszügen aus der Alltagswelt der Slums von Liverpool; dazu Aggressivität und Frustration seinen früheren sozialen Lebens. Mit dem Ruhm wurden die Beatles nicht mehr fertig. George Harrisson verschwand als erster zu einem religiösen Trip nach Indien zu einem Maharadschi. John und die anderen folgten ihm. Denn als selbst die harten Drogen nicht mehr bei der Bewältigung der Probleme ?halfen?, schien dies der einzige Ausweg. Lennon wollte nach eigenen Worten seine Seele ausruhen.

Aus Indien zurück war Lennon enttäuscht. Der Maharadschi sei nur Schein wie farbiges Wasser, grollte er.

Die Ehe mit seiner Frau Cynthia, mit der er Sohn Julian hatte, stimmte schon lange nicht mehr. Er hatte in ihr eigentlich die verlorene Mutter gesucht; Cynthia aber war zu schwach für diese Mutterrolle. Lennon fühlte sich allein und einsam., Opfer der Erziehung seiner Tante Mimi.

Seinen Song »All You Need Is Love« verstanden Millionen von Fans. Er selbst lebte neben einer Frau, die mit seiner Liebe nichts anzufangen wußte.

So litt er, bis er 1966 zum ersten Mal die japanische Happeningkünstlerin Yoko Ono traf. Auf einer Londoner Kunstauktion wurde Lennon ihr vorgestellt. Sie waren gegenseitig von sich beeindruckt. John mochte an ihr die bejahende Art, das Positivdenkende und ihre Stärke, die bereits in ihren Werken zum Ausdruck kam.

Sogar Cythia merkte, was in John vorging. Sie sagte einmal, daß nur Yoko die einzig richtige Frau für John sei.

1968 folgte die Scheidung. Fortan waren John und Yoko unzertrennlich. Selbst auf Plattenhüllen zeigten sie sich zusammen - teilweise sogar nakt. Und Lennon betätigte sich erstmals als bildender Künstler. Auf ein weißes Segeltuch schrieb er: »You are here« (Du bist da). Yoko hingegen gab ein Buch heraus. Titel: »A Twist Of Lennon«.

Als Yoko eine Fehlgeburt erlitt, schloß sich der sensible John tagelang ein. Als erwieder hervorgekrochen kam, drehten beide ihren ersten Film. »Rape« zeigte, wie ein Mädchen mit der Kamera bis zur absoluten Erschöpfung gejagt wurde. Ein Hinweis darauf, wie sich beide vorkamen.

Am 20. März 1969 heirateten John und Yoko auf Gibraltar. Es folgte eine Hochzeitsreise nach Amsterdam, wo sie in einem Hotel ihr erstes von mehreren »Bed-Ins« veranstalteten. Damals gab Lennon ein Interview im Bett:

»Wir wollen eine Botschaft in die Welt senden, hauptsächlich an die Jugend und an jedermann, der daran interessiert ist, für den Frieden auf die Straße zu gehen; an jeden, der gegen Gewalt ist. Alle sprechen über den Frieden, aber niemand tut etwas für ihn - ausgenommen ein paar Leute. Wir machen dieses Bettereignis in Amsterdam wie das ?Bag Peace in Wien, um einigen Leuten eine Vorstellung davon zu geben, daß es viele Arten des Protestes gibt; dies ist eine davon. Jeder könnte seine Haare für den Frieden wachsen lassen, oder während einer Woche seines Urlaubs für den Frieden demonstrieren. Aber friedlich - wir glauben, daß der Friede nur mit friedlichen Mitteln erreicht werden kann und daß es nicht gut ist, die herrschende Schicht mit ihren eigenen Mitteln schlagen zu wollen. Denn die gewinnt immer, wie sie schon seit Tausenden von Jahren gewonnen hat. Die da oben kennen den Kampf um die Macht, und es wäre dann leicht für sie, ihre Gegner auszumachenb und zu beseitigen.«

Frage: Was machen Sie, wenn Sie am Morgen die Zeitung aufschlagen und lesen, daß sich England im Krieg mit Frankreich befindet?

»Ich würde vor Ansgt sterben.«

Frage: Aber glauben Sie nicht, daß … durch Ihr Verhalten nicht viele Leute mißtrauig werden? Viele werden glauben, daß es nicht ernst gemeint sein kann, unter einer Bettdecke zu liegen und gegen die Kriege in der Welt zu protestieren.

»Gut, aber bevor die uns kritisieren, sollten sie selbst was tun.«

Also sollte sich jeder ?seinen Hitler von der Seele kotzen?

»Genau, den haben wir alle in uns. Natürlich sagen wir, daß wir Frieden wollen und daß wir für den Frieden hier im Bett liegen; aber ich bin genauso gewalttätig wie jeder andere Mensch, und sicher ist Yoko das auch. Wir sind nun mal als Menschen gewalttätig. Ich will aber lieber friedlich sein und möchte, daß auch meine Freunde friedlich sind. Es erleichtert das Leben. Wenn wir mal gewalttätig sein wollen, sollten wir uns beherrschen. Ich möchte in keine Gewalttaten verstrickt sein. Ich will in Frieden leben.«

Der Herbst 1968 markierte den Anfang vom Ende der Beatles. Die anderen drei lehnten sich gegen Johns Beziehung zu Yoko und deren Einflußnahme auf.

Die Öffentlichkeit forderte von den Beatles jetzt immer mehr, daß ihre Aussagen politischer werden sollten, so wie es die ?Rolling Stones schon lange waren. Für Lennons ersten Versuch auf diesem Gebiet, dem Song »Revolution« erntete er nur verbale Prügel. Der Textwar vielen zu seicht.

»Ihr sagt, ihr wollt Revolution; wißt ihr, wir alle wollen die Welt verändern. Wenn ihr mit Bildern desVorsitzenden Mao herumrennt, macht ihr auf niemanden Eindruck; ihr behauptet, es seien die Institutionen,, wißt ihr, befreit doch lieber eure Seelen…«

In dem Song »A Day In A Life« hörten viele Fans zweimal den Kick vom schnellwirkenden Rauschgift heraus. Lennon dazu:

»Mir fehlte noch der Schluß, als ich beim Texten war. Irgendwo in meinem Haus lag eine Zeitung herum. Zufällig stieß ich auf einen Artikel, nach dem in Blackburn 4000 Gräber entdeckt worden waren. Das schrieb ich in den Text, der natürlich so voll von Nonsens war.«

Heraus kam der folgende Text: »Junge, ich habe heute Neuigkeiten gehört: Es gibt 4000 Gräber in Blackburn. Man dachte, die Löcher wären ziemlich klein, aber das Problem ist, sie zu zählen. Jetzt weiß man, wieviele Löcher man braucht, um die Albert-Hall zu füllen. Ich möchte, daß es euch gefällt.«

Das ?Weiße Album »The Beatles« zeigte John Lennons Resignation. Nicht nur die Beatles waren ihm zuwider geworden, auch anderes. Er rechnete ab mit den Hippies, den Amerikanern, Trophäenjägern in Afrika, Politikern aller Couleur, Paul McCartney und den Beatles.

Die Auflösung der Gruppe traf alle schwer, mit Ausnahme von John Lennon. Für ihn waren die Beatles nur eine Station seines künstlerischen Schaffens gewesen. Fortan wurde er politisch tätig. Er sah sich selbst gerne als Friedenspolitiker. Dazu sagte er:

»Henry Ford wußte, wie man Autos verkauft. Ich verkaufe Frieden.«

Erst einmal unterzog er sich einer Heroinentziehungskur. An einen Stuhl gefesselt bekam eralles, was er wollte; nur kein Heroin. Danach schrieb er über die schwere Zeit den Song »Cold Turkey«, der die Entziehungsqualen schildert. Später sandte er seinen Orden an die Königin von England zurück. Im Begleitbrief hieß es ironisch, wie immer:

»Ihre Majestät! Aus Protest gegen die englische Einmischung in die Nigeria-Biafra-Sache, gegen unsere Unterstützung Amerikas in Vietnam und gegen das Abrutschen von meiner Schallplatte ?Cold Turkey in der Hitliste sende ich Ihnen meinen Orden zurück. With love, John Lennon.«

Das 1970 erklärten John und Yoko zum Jahr 1 ihrer Zeitrechnung. Sie wollten in jeder Beziehung neu beginnen. Die Beatles lösten sich auf, und es begann für Lennon eine Dekade der Widersprüchlichkeiten.

Lennons Friedenbsaktivitäten versickerten,das Interesse ließ nach. Daraufhin zog er sich zurück. Ein Jahr nach seiner großen »The War Is Over«-Kampagne suchte Lennon Rat bei einem Psychologen. Er arbeitete seine Jugend auf. Für den behandelnden Arzt war klar, daß die abgedroschene Allerweltsweisheit, daß Genie und Wahnsinn dicht beieinanderliegen, sich bei John Lennon auf banale Weise bewahrheitete.

Nun konnte John zum ersten Mal auch mit Mutter und Vater abrechnen. In dem Lied »Mother« heißt es: »Mutter, du hattest mich, aber ich hatte dich nie. Vater, du hast mich verlassen, aber ich habe dich nie verlassen.«

Es folgte die LP »Plastic Ono Band«. Kritiker jubelten. Sie sei in ihrer Aussagekraft nur mit den Werken Van Goghs vergleichbar. Lennon entschloß sich, nur noch Platten aufzunehmen, wenn er auch etwas zu sagen hatte, auch, wenn es kommerzielle Mißerfolge werden würden.

Er siedelte in die USA um. Er wollte in der Anonymität New Yorks leben, wo ihn niemand kannte, wo ihn niemand ansprach und ihm niemand nachstellte. Aber es gab jahrelangen Ärger mit der Einbürgerungsbehörde. Lennon wandte sich langsam den friedlichen Botschaften ab und akzeptierte militante Wege gegen das Establishment. Das drückte er in seinem Song »Power To The People« erstmals aus.

Mit Paul McCartney rechnete Lennon nun öfter ab. Auf dem Cover von »Imagine« ließ ersich mit einem Schwein fotografieren, nachdem McCartneys letztes Cover ihn mit einem Schaf zeigte.

1972 kam das Album »Happy X-mas War Is Over« heraus. Präsident Nixon wollte Lennon daraufhin loswerden, ihn aus dem Land werfen. Man befürchtete im Land, in dem religiöse Sekten einen starken Einfluß haben, daß die ohnehin rebellisch gewordene Jugend Lennon zum Idol küren würde. Lennon störten Nixons Bemühungen kaum. Er tat sich mit Frauenrechtlern, Vietnamkriegsgegnern und mit Freiheitskämpfern in Nordirland zusammen, um das Establishment an der schwächsten Stelle zu treffen.

1973 wollte die Einwanderungsbehörde der USA Lennon wieder einmal ausweisen. Lennon schrieb zurück:

»Da wir gerade unseren 4. Hochzeitstag feiern, sind wir nicht bereit, in getrennten Betten zu schlafen. Peace and Love, John und Yoko.«

Das Album »Mind Games« zeigte einen vollkommen gelösten und ausgeglichenen John,der zuversichtlich in die Zukunft blickte.

Kurz nach der Veröffentlichung trennten sich John und Yoko. Lennon flippte total aus. Er nahm wieder verstärkt Rauschgift, trieb sich mit anderen Frauen herum und machte mehrmals als pöbelnder Besoffener Schlagzeilen.

Anfang 1975 kam die Versöhnung mit Yoko ebenso überraschend wie seinerzeit die Trennung. John arbeitete wieder. Es folgten zwei LPs und die Aufenthaltsberechtigung für die Vereinigten Staaten. Für John ging ein Traum in Erfüllung. Dann wurde Sohn Sean geboren.

Durch die vielen Negativ-Schlagzeilen waren die Lennon-Anhänger mit derZeit weniger geworden. Niemand schien ihn zu verstehen. Je mehr er kämpfte, desto mehr wurde er mißverstanden. Das schmerzte. Lennon zog sich völlig resigniert zurück. Er gewöhnte sich sogar das Rauchen ab, das Fasten an und war fortan nicht mehr in der Szene anzutreffen.

Drei Jahre waren vergangen, als Journalisten zufällig herausfanden, daß Lennon sich ein Stück Land und eine Menge Milchkühe gekauft hatte. Was sollte das nun wieder?

»In der letzten Zeit wurden all unsere Wünsche wahr, zur rechten Zeit, recht oder schlecht. Wünsche sind effektiver als Fahnenschwenken. ZurZeit betreiben wir Frühjahrsputz in unseren Köpfen. Aber wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Wenn ihr das nächste Mal an uns denkt, sollt ihrwissen, daß unser Schweigen ein Schweigen der Liebe ist. Wir bemerkten, daß uns drei kleine Engel über die Schultern lugten, als wir dies schrieben.«

Ein Rest Lennon?schen Spotts war also noch vorhanden. Sonst hörte man nicht mehr viel von ihm. Anläßlich des Erscheinens seiner letzten Platte »Double Fantasy« gab er 1979 noch einmal ein Interview.

Das letzte Interview gab John Lennon der Zeitschrift »Newsweek« vier Monate vor seinem gewaltsamen Tod.

Warum sind Sie 1975 untergetaucht? Hatten Sie keine Lust mehr, Musik zu machen oder hing Ihnen das ganze Show-Biz zum Halse heraus?

»Ein bißchen von beidem. Seit ich 22 Jahre alt war, hatte ich dauernd vertragliche Verpflichtungen. Ich stand immer unter dem Druck, etwas tun zu müssen. Bis Freitag mußte ich hundert Songs schreiben, am Samstag eine Single herausgeben und so weiter. Dafür bin ich nicht Künstler geworden. Aber plötzlich war ich eben einer Plattenfirma verpflichtet, den medien, der Öffentlichkeit. Ich fühlte mich nicht mehr frei.

Ich habe mich oft zurückgezogen - ein teil von mir ist ein Mönch, der ander ein Zirkusfloh. Das Schlimme im Musikgeschäft ist, daß man nicht mehr zählt, wenn man nicht ständig mit Andy Warhole im 'Xenon' sitzt.«

Warum so lange - fünf Jahre?

»Meine Frau und ich brauchten ziemlich lange, um ein Baby zu haben, das am Leben blieb. Und ich wollte meinem Sohn Sean fünf solide Jahre schenken. Ich hatte Julian aufwachsen sehen. Und nun ist da immer ein 17jähriger Bursche am Telefon und redet über Motorräder.«

Paul McCartney meint, Sie seien zum Einsiedler geworden, weil Sie in Ihrem Leben schon alles gemacht haben, außer, Sie selbst zu sein.

»Zum Teufel, was bedeutet das? Paul hat keine Ahnung. Es ist zehn Jahre her, seit ich das letzte Mal richtig mit ihm sprach. Vor zwei Jahren kam er zur Tür herein, da sagte ich zu ihm: 'Würde es dir was ausmachen, in Zukunft vorher anzurufen? Ich habe einen harten Tag mit dem Baby hinter mir und bin völlig kaputt, und da kommst du mit deiner verdammten Gitarre daher!'«

Wie verbringen Sie und Ihre Frau den Tag?

»Yoko kümmert sich um die Geschäfte, und ich bin die Hausfrau. Es ist wie in einer dieser Komödien mit vertauschten Rollen.«

Man hat Ihre Frau beschuldigt, sie hätte Sie von den Beatles getrennt.

»Auf die Gelegenheit, bei den Beatles auszusteigen, habe ich seit meinem Job in 'Wie ich den Krieg gewann' gewartet. Der Gedanke keimte schon in mir, seit die Beatles mit den Tourneen aufhörten und ich nicht mehr auf der Bühne stehen konnte. Aber ich war zu feige, um auszusteigen. Das hat Presley gekillt. Der König wird immer von seinen Höflingen umgebracht. Das war's, was Presley getötet hat. Der König wird gemästet, verwöhnt, unter Alkohol gesetzt, nur damit er auf dem Thron und alles beim alten bleibt. Die meisten, denen das so ergeht, merken das nie. Yoko zeigte mir, wie es war, ein Elvis-Beatle zu sein, umringt von Speichelleckern - eine Art Tod. Und das war es, woran die Beatles zerbrachen - und nicht, weil Yoko uns getrennt hat.«

Wie beurteilen Sie heute Ihren politischen Radikalismus in den frühen 70ern?

»Dieser Radikalismus war deshalb laut, weil ich ahnungslos war.


Ich fühle mich immer schuldig, weil ich soviel Geld machte. So habe ich es eben zum Fenster rausgeworfen. Ich war kein Heuchler - ich habe wirklich daran geglaubt. Aber wie ein Chamäleon wechselte ich oft meine Ansichten.«

Haben Sie nicht manchmal Sehnsucht nach den alten Zeiten?

»Niemals. Was immer die Beatles zu den Beatles machte, hat auch die 60er zu den 60er Jahren gemacht. Und jeder, der meint, daß, wenn ich mit Paul, George und Ringo zusammengehe, die Beatles wieder existieren könnten, hat einfach nichts begriffen. Die Beatles haben alles gegeben, was sie hatten - und mehr. Die vier Jungs, die einmal diese Gruppe ausmachten, sind nicht mehr die gleichen von damals, auch wenn sie das sein wollten.«

John Lennons Tod war so widersprüchlich wie sein Leben. Ein Geisteskranker, der glaubte, selbst Lennon zu sein, erschoß ihn vor seiner New Yorker Wohnung.

Lennon wollte nie Kultfigur sein. Zu Lebzeiten stellte er seine Schwächen, Tiefen, Unzulänglichkeiten, Peinlichkeiten und Irrewege zur Schau.

Eines sollte er uns mit auf den Weg geben:

»Man muß alles selbst in die Hand nehmen. Das haben die bedeutenden Frauen und Männer uns schon von Anbeginn der Zeit immer wieder gepredigt. Das steht in Büchern, die wir heute heilig nennen und wegen ihres Einbandes verehren und nicht wegen ihres Inhaltes. Es gibt unter der Sonne nichts vollkommen Neues. Ich kann euch nicht aufwecken. Ihr müßt euch selbst wachrütteln. Ich kann euch nicht heilen, das müßt ihr selbst tun. Dann ist man der Meute um eine Nasenlänge voraus.«
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